Im Frühjahr 2025 saß ich im ICE nach Berlin und tat etwas, das ich lange vor mir hergeschoben hatte: Ich las mein eigenes Buch. Genauer, eine bestimmte Seite – die Box „Ein Tag in der Uber-Welt im Jahr 2025", geschrieben 2017. Draußen zog Wolfsburg vorbei. In meiner Box brachte um 7.30 Uhr ein autonomes Auto die Kinder zur Schule, ein Bote lieferte um 13 Uhr das Lieblingssandwich, und die App wusste alles, bevor man fragte. Im echten 2025 hatte am Morgen meine Frau die Kinder gefahren, der Zug hatte zwanzig Minuten Verspätung, und das Sandwich hatte ich mir selbst am Bahnhof gekauft. Ich saß da mit meinem eigenen Buch auf den Knien und musste lachen – erst über die Prognose, dann über etwas anderes: Auf demselben Bildschirm, auf dem ich die Seite las, hatte mir eine Minute zuvor eine KI einen Vertragsentwurf zusammengefasst, in einer Qualität, die sich 2017 kein Mensch in meiner Box vorzustellen gewagt hätte. Ich hatte die falsche Zukunft präzise beschrieben – und die echte komplett übersehen.
Aus diesem Zugfenster-Moment ist dieses Kapitel gemacht. Die digitale Wirklichkeit ist längst Teil unseres Lebens; aber die meisten – mich eingeschlossen – verstehen erst im Rückblick, wie tief die Veränderungen gehen und welche es sind.
3.1 „Stellen wir uns vor …" – neun Jahre später
In der ersten Auflage habe ich an dieser Stelle drei Szenarien gewagt: Uber übernimmt die mobile Weltherrschaft. Künstliche Intelligenz wird der Normalfall. Alle nutzen Blockchain. Ich hätte diese Seiten für die Neuauflage stillschweigend löschen können. Stattdessen lege ich die Prognosen neben die Realität – denn aus dem Abgleich lernt man mehr über den Umgang mit der Zukunft als aus jedem frischen Szenario.
Bilanz 1: Uber – die halbe Weltherrschaft
Ich habe 2017 eine Box geschrieben: „Ein Tag in der Uber-Welt im Jahr 2025" – autonome Autos bringen die Kinder zur Schule, die App organisiert die ganze Reisekette, Uber weiß alles und liefert alles. So ist es nicht gekommen. 2025 brachte in Deutschland weiterhin ein Elternteil die Kinder zur Schule, im eigenen Auto.
Und doch wäre „Fehlprognose" das falsche Etikett. Uber hat überlebt, was damals keineswegs ausgemacht war, ist seit 2023 profitabel und setzt Jahr für Jahr Rekordsummen um. Das Unternehmen wurde nicht von der Regulierung erdrosselt, sondern hat gelernt, mit ihr zu leben – in Deutschland fährt Uber mit lizenzierten Mietwagen- und Taxipartnern, und die Reform des Personenbeförderungsgesetzes 2021 hat digitale Fahrdienste grundsätzlich legalisiert. Das Taxigewerbe, das 2017 auf Verbote setzte, hat den Wettbewerb trotzdem bekommen.
Und das autonome Fahren? Kam später als von mir angenommen – aber es kam. In amerikanischen Städten fahren die Robotaxis von Waymo heute zahlend Passagiere, teils vermittelt über die Uber-App; Uber-Chef Dara Khosrowshahi berichtete 2025, die Waymo-Fahrzeuge auf seiner Plattform seien produktiver als 99 Prozent der menschlichen Fahrer. Profitabel ist das Geschäft noch nicht, flächendeckend schon gar nicht, und in Europa fährt noch fast nichts autonom. Aber die Grundfrage von 2017 – wem gehört die Mobilität, wenn der Fahrer entfällt? – ist keine Spekulation mehr, sondern ein laufender Verteilungskampf.
Was ich daraus gelernt habe: Die Plattformlogik – wer die Kundenschnittstelle besetzt, gewinnt – hat sich zuverlässig bestätigt. Geirrt habe ich mich im Zeithorizont, und zwar in die übliche Richtung: Wir überschätzen, was in fünf Jahren passiert, und unterschätzen, was in fünfzehn passiert.
Bilanz 2: Künstliche Intelligenz – richtig, aber viel zu klein gedacht
Von den drei Szenarien war dies das treffendste – und trotzdem das, bei dem ich am weitesten danebenlag. Ich schrieb 2017, KI sei „schon längst in unseren Alltag integriert", zitierte AlphaGo und Sundar Pichais „Mobile first to AI first". Die Richtung stimmte. Was ich nicht sah – was fast niemand sah –, war die Form: dass KI nicht als Spezialwerkzeug für Versicherungstarife und Verkaufsprognosen groß werden würde, sondern als Maschine, die spricht, schreibt, gestaltet und programmiert. Dass sie nicht zuerst die Fabrik erreichen würde, sondern das Büro, die Schule, das Wohnzimmer.
Auch die Berufsprognosen von damals verdienen einen ehrlichen Blick. Ich zitierte Studien, wonach Buchhalter zu 94 und Versicherungsmakler zu 92 Prozent „bedroht" seien. Neun Jahre später gibt es weiterhin Buchhalter und Versicherungsmakler. Verschwunden sind nicht die Berufe – verwandelt haben sich die Tätigkeiten darin. Die Forscher aus Stanford, die ich damals ebenfalls zitierte, lagen mit ihrer nüchterneren Einschätzung richtiger: KI übernimmt zunächst Aufgaben, nicht ganze Berufe. Das ist keine Entwarnung, sondern eine Präzisierung – denn wer 60 Prozent seiner Tätigkeiten an die Maschine verliert, hat zwar noch seinen Beruf, aber ein anderes Berufsleben. Und die Frage, was mit Menschen geschieht, deren Aufgaben schneller verschwinden, als neue entstehen, ist so offen wie 2017. Nur konkreter.
Bilanz 3: Blockchain – der Hype als Lehrmeister
„Nicht auszudenken, wie viele Berufe entfallen, wie viel Geld wir sparen könnten", schrieb ich 2017 über die Blockchain. Nun: Es war auszudenken. Die Banken existieren noch, Notare und Grundbuchämter auch. Überweisungen wurden schneller und billiger – aber durch schnöde Modernisierung der Bankensysteme, nicht durch dezentrale Revolution. Von den „Smart Contracts", die Versicherungen und Autokäufe automatisieren sollten, ist im Alltag fast nichts angekommen. Was blieb: Kryptowährungen als etablierte, regulierte Anlageklasse und Stablecoins als wachsende Nische im Zahlungsverkehr. Real, aber weit entfernt von „alle nutzen Blockchain".
Warum ging das Szenario am weitesten daneben? Weil ich – wie damals fast alle – von der Technologie aus dachte statt vom Kundenproblem. Die Blockchain war eine Lösung, die ihre Probleme suchte. Für die allermeisten Anwendungen war die zentrale Datenbank schlicht besser, billiger und schneller. Die Prüffragen, die ich Ihnen im Methodenkapitel mitgebe, hätten das damals schon entlarvt: Welches echte Kundenproblem wird messbar besser gelöst? Wer trägt die Wechselkosten – und warum sollte er? Wenn Sie diese Fragen heute an manche KI-Verheißung stellen, werden Sie übrigens ebenfalls Spreu vom Weizen trennen. Der Unterschied: Bei der KI gibt es den Weizen in rauen Mengen.
Die drei Meta-Lehren
Erstens: Strukturprognosen funktionieren, Zeitprognosen nicht. Wer 2017 auf Plattformlogik, Kundenschnittstelle und sinkende Grenzkosten setzte, lag richtig – wer Jahreszahlen dazuschrieb, fast immer falsch.
Zweitens: Die größten Umbrüche standen in keinem einzigen Szenario. Pandemie, Krieg, Energiekrise, Zinswende – nichts davon stand 2017 in diesem Buch oder irgendeinem anderen. Szenarien sind deshalb kein Vorhersageinstrument, sondern Training: Sie dehnen das Denkbare, damit die Organisation beweglich bleibt, wenn das Undenkbare eintritt.
Drittens – und das ist die wichtigste: Nichts von dem, was eintrat, hätte man abwarten dürfen. Die Unternehmen, die heute von der KI profitieren, haben nicht 2023 angefangen, sondern vorher gelernt, schnell zu lernen. Genau dafür steht dieses Buch.
3.2 Stellen wir uns vor … drei Szenarien für 2035
Mit dieser Demut im Gepäck wage ich es wieder. Drei Szenarien, keine Prognosen – Denkübungen mit Jahreszahl, von denen ich 2035 gerne wieder öffentlich Rechenschaft ablege.
… jedes Unternehmen beschäftigt digitale Mitarbeiter.
Der Mittelständler des Jahres 2035 hat 80 Beschäftigte – und einige Hundert KI-Agenten. Sie überwachen Lieferketten und bestellen nach, beantworten Kundenanfragen in vierzig Sprachen, erstellen Angebote, prüfen Rechnungen, bereiten Entscheidungen vor. Kein Mensch im Unternehmen macht mehr Routinesachbearbeitung; jeder Mensch führt, prüft, entscheidet und hält die Kundenbeziehungen. Das Organigramm hat eine neue Dimension: Wer verantwortet welche Agenten? Die spannendste Führungsfrage lautet nicht mehr „Wie motiviere ich mein Team?", sondern „Wie stelle ich sicher, dass meine digitalen Mitarbeiter im Sinne unserer Werte handeln – und wer haftet, wenn nicht?"
Was das heute bedeutet: Fangen Sie klein an, aber fangen Sie an. Ein Agent, ein Prozess, ein Verantwortlicher. Die Organisationen, die 2035 souverän mit hundert Agenten arbeiten, sind die, die 2026 mit einem geübt haben.
… Maschinen verhandeln mit Maschinen.
Der Einkäufer Ihres Kunden ist 2035 eine Software. Sie fragt Ihre Preise, Lieferzeiten und CO₂-Werte maschinell ab, vergleicht sie mit dreißig Wettbewerbern und entscheidet in Sekunden – nach Kriterien, die ihr der Mensch einmal vorgegeben hat. In der ersten Auflage habe ich vom smarten Container berichtet, der sich selbst routet und seine Logistik bezahlt; damals lief das unter „Blockchain-Vision". Die Vision kehrt zurück, diesmal mit realistischer Technik: KI-Agenten plus vernetzte Maschinen. Die Konsequenz ist dieselbe, die dieses Kapitel schon 2017 predigte, nur radikaler: Die Kundenschnittstelle der Zukunft ist auch eine Maschinenschnittstelle. Wer nicht maschinenlesbar ist – Produktdaten, Preise, Verfügbarkeiten, Nachweise –, existiert für diese Einkäufer nicht. Die Basarmentalität stirbt endgültig; was zählt, sind Daten, Verlässlichkeit und die Frage, wessen Agent das Vertrauen des Kunden hat.
Was das heute bedeutet: Bringen Sie Ihre Produktdaten in Ordnung. Es ist die unglamouröseste Hausaufgabe dieses Buchs und vielleicht die mit der höchsten Rendite.
… Energie ist fast kostenlos – aber nur manchmal.
Solarstrom ist 2035 an sonnigen Tagen praktisch gratis, an dunklen Winterabenden teuer. Aus dem stabilen Strompreis, mit dem Generationen von Controllern kalkulierten, ist ein wilder Rhythmus geworden – und ein Geschäftsmodell: Unternehmen produzieren, kühlen, laden und rechnen dann, wenn Energie im Überfluss da ist. Wärmepumpen, Speicher, Elektrolyseure und die Software, die das alles orchestriert, sind ein Weltmarkt, auf dem deutsche Maschinenbauer und Elektrotechniker vorne mitspielen können – es ist ihr Heimspiel: Hardware plus Systemverstand. Der Mangel, den wir verwalten, ist nicht mehr Energie, sondern Flexibilität.
Was das heute bedeutet: Behandeln Sie Energie nicht als Kostenstelle, sondern als Gestaltungsfeld. Wer seine Lastprofile kennt und flexibel machen kann, verwandelt die Energiewende von der Bedrohung in einen Wettbewerbsvorteil.
3.3 Wertschöpfungskette auf den Kopf gestellt
Die Digitalisierung stellt die Wertschöpfungskette auf den Kopf: Sie beginnt nicht mehr beim Einkauf, sondern beim Kunden – mit einem unerfüllten Bedürfnis am Anfang und dem zufriedenen Kunden am Ende. Daran hat sich nichts geändert, und die Umsetzung ist im Mittelstand weiterhin die Ausnahme.
Die Wertschöpfung der Zukunft findet in Netzwerken statt: Kunden, Lieferanten, Freelancer und Partner in Echtzeit verbunden, branchenübergreifend statt nur entlang der Lieferkette. Software und Daten laufen dem physischen Produkt dabei den Rang ab – nicht, weil die Hardware unwichtig würde, sondern weil die Marge zur Schnittstelle wandert. Das Automobilbeispiel der ersten Auflage kann heute jeder am eigenen Leib besichtigen: Das Auto wird über Nacht per Update besser, und der Hersteller kämpft mit Technologiekonzernen darum, wem das Verhältnis zum Fahrer gehört.
Mit der Wertschöpfung verschiebt sich das Machtgefüge in den Unternehmen: weniger klar getrennte Bereiche, mehr fächerübergreifende Projektarbeit mit Externen, Entscheidungsbefugnisse in den Teams, Führungskräfte als Koordinatoren und Unterstützer. Und die Personalabteilung, der ich 2017 eine neue Identität als Talentsucher verordnete, bekommt noch eine Aufgabe obendrauf: Sie wird auch die Fähigkeiten-Architektin für die Zusammenarbeit von Menschen und Maschinen. Wer lernt was, wer verantwortet welchen Agenten, welche Rollen entstehen, welche entfallen – das ist Personalarbeit im Kern des Geschäfts, nicht Verwaltung am Rand.
3.4 Von der Verwaltung der Knappheit zum Management von Überfluss
Moore's Law hat seine Schuldigkeit getan; die Kostenkurven von Rechenleistung, Speicher, Sequenzierung und inzwischen maschineller Intelligenz zeigen alle in dieselbe Richtung (siehe Einleitung). Diamandis und Kotler behalten Recht: Zugriff triumphiert über Besitz, Überfluss über Mangel – und eine exponentielle Welt kann nicht nach den Gesetzen der linearen funktionieren. Klassische Unternehmen leben trotz Globalisierung in einer kleinen Welt: begrenzte Ressourcen, Risikovermeidung, fünf Prozent Wachstumsziel. Exponentielle Organisationen tun das Gegenteil – sie denken groß, setzen auf externe Kompetenz, nutzen Daten als Innovationsquelle und besetzen vor allem eines: die Kundenschnittstelle.
3.5 Kooperation schlägt Konkurrenz – Netzwerke gewinnen
Konkurrenz bedingt Sieger und Verlierer; Netzwerke ermöglichen, dass alle gewinnen. Eigentlich kann kein Unternehmen ohne Netzwerk existieren, wenn man Lieferanten, Kunden, Institute und Partner mitzählt – Plattformen machen nur sichtbar und skalierbar, was Handwerker beim Hausbau unter Freunden schon immer praktizierten: Jeder bringt seine Kompetenz ein, und am Ende steht etwas, das keiner allein geschafft hätte. Woran Unternehmensnetzwerke scheitern, sind Absicherungsmentalität und Vorteilsdenken. Ein Netzwerk nützt nur, wenn alle etwas einbringen – das Prinzip „Gebe als Erster" aus Kapitel 7.
Die Aufforderung von 2017 gilt wörtlich weiter, nur die Beispiele sind besser geworden: Schaffen Sie Innovationsökosysteme! Schaffen Sie auf Ihrer Website Schnittstellen, an denen andere andocken können – Startups, Forscher, Entwickler, Kunden. Definieren Sie Suchfelder, zeigen Sie, was Sie bieten. Und im Zeitalter der Maschinenkunden (siehe Szenario 2) heißt andocken zunehmend wörtlich: offene Schnittstellen, saubere Daten, klare Bedingungen.
Stellen Sie sich die Fragen von damals – sie sind nicht gealtert: In welchen Netzwerken sind Sie aktiv, und was bringen Sie selbst ein? Welche Möglichkeiten der Zusammenarbeit sehen Sie? Was steht ihr entgegen? Und welche Schnittstellen nach außen können Sie schaffen – für Menschen wie für Maschinen?
Montagmorgen: Schreiben Sie Ihre eigene Szenarien-Seite. Drei Sätze: Was erwarten Sie für Ihre Branche in fünf Jahren? Datum darunter, ausdrucken, in die Schreibtischschublade. Nicht für die Prognose – für den Termin mit sich selbst, an dem Sie sie wieder herausholen.
Dieses Kapitel zahlt vor allem auf zwei Prinzipien des Codes ein: Betrachte Fehler als Chance, Gebe als Erster.
Illustration: Jay Golecki
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