Persönliches Vorwort des Autors zur 2. Auflage
Liebe Leserinnen und Leser,
als die erste Auflage dieses Buchs 2017 erschien, war „Digitalisierung" das Wort der Stunde. Ich habe damals geschrieben, die Welt werde sich mit hoher Geschwindigkeit verändern – und ich lag richtig. Nur anders, als ich dachte.
Ich habe in diesem Buch drei Szenarien gewagt: Uber übernimmt die mobile Weltherrschaft, künstliche Intelligenz wird der Normalfall, alle nutzen Blockchain. Heute, neun Jahre später, kann jeder nachprüfen, was daraus geworden ist. Uber hat die Welt nicht übernommen, aber es hat überlebt, ist profitabel geworden und hat ganz nebenbei bewiesen, dass Plattformen auch an Regulierung und an sich selbst wachsen können. Die Blockchain hat weder die Banken noch die Notare abgeschafft. Und die künstliche Intelligenz? Sie ist nicht einfach „der Normalfall" geworden – sie hat alles andere in den Schatten gestellt. Zwei von drei Deutschen nutzen heute generative KI. Kein Werkzeug in der Geschichte der Menschheit hat sich schneller verbreitet.
Ich hätte diese Bilanz weglassen und die alten Prognosen stillschweigend durch neue ersetzen können. Das wäre bequem gewesen – und genau die Sorte Unehrlichkeit, vor der ich in diesem Buch warne. Wer von Unternehmen verlangt, Fehler als Chance zu begreifen, muss bei den eigenen anfangen. Deshalb finden Sie in dieser Auflage an mehreren Stellen eine ehrliche Rückschau: Was habe ich richtig gesehen, was falsch, und – viel wichtiger – warum?
Denn das ist die eigentliche Erkenntnis dieser neun Jahre: Die Ereignisse, die uns am härtesten getroffen haben, standen in keiner einzigen Prognose. Eine Pandemie, die den Mittelstand in Wochen zu dem zwang, was er in Jahren nicht geschafft hatte. Ein Krieg in Europa, der Lieferketten und Energiepreise auf den Kopf stellte. Eine Zinswende, die das Startup-Modell des billigen Geldes beendete. Niemand hatte das auf dem Zettel. Und genau deshalb ist die Kernbotschaft dieses Buchs heute gültiger als 2017: Es gewinnt nicht, wer die Zukunft am besten vorhersagt. Es gewinnt, wer so organisiert ist, dass er mit jeder Zukunft zurechtkommt. Das können Startups. Das kann der Mittelstand von ihnen lernen.
Und weil dieses Buch von Ihnen verlangt, Fehler nicht nur zu tolerieren, sondern zu erzählen, beginne ich mit meinem eigenen. Kurz nach Erscheinen der ersten Auflage baute ich mit einem Partner eine Plattform auf, die Mittelständler und Startups zusammenbringen sollte – die konsequente Fortsetzung dieses Buchs als Geschäftsmodell, dachte ich. Wir arbeiteten anderthalb Jahre daran. Wir bauten Funktionen, verfeinerten Prozesse, diskutierten Preismodelle. Was wir nicht taten: rausgehen. Ich, der auf jeder Bühne predigte, es gebe im Büro keine Fakten, saß im Büro und hielt meine eigene Begeisterung für Marktvalidierung. Als wir online gingen, kam – fast niemand. Die Mittelständler, die mir in Workshops eifrig zugenickt hatten, hatten kein dringendes Problem, das meine Plattform löste; sie hatten mir zugenickt, weil Zunicken nichts kostet. Ich hatte ein Buch über den Startup Code geschrieben und gegen drei seiner sieben Prinzipien verstoßen.
Die Plattform starb leise. Die Erkenntnis blieb laut: Zu wissen, was richtig ist, schützt nicht davor, das Falsche zu tun – nicht einmal den, der das Wissen aufgeschrieben hat. Seither erzähle ich diese Geschichte in jedem Vortrag zuerst. Sie ist der Grund, warum diese zweite Auflage anders klingt als die erste: weniger Verkündigung, mehr Rechenschaft. Wenn Sie in diesem Buch also an Stellen kommen, an denen ich Ihnen unbequeme Fragen stelle – seien Sie versichert: Ich habe sie alle schon einmal selbst falsch beantwortet.
Der Startup Code im letzten Kapitel – die sieben Prinzipien – hat die neun Jahre unbeschadet überstanden. Ich habe ihn geprüft, an der Realität gemessen und an keiner Stelle zurücknehmen müssen. Was sich geändert hat, sind die Werkzeuge, die Beispiele und der Ernst der Lage. 2017 habe ich geschrieben, eigentlich seien wir in Deutschland schon zu spät dran. Heute schreibe ich: Wir sind noch später dran – aber wir haben in der Pandemie bewiesen, dass wir schnell sein können, wenn wir müssen. Dieses Buch soll dazu beitragen, dass wir es auch tun, bevor wir müssen.
Zwei Anmerkungen noch. Die Szenen in diesem Buch beruhen auf realen Begegnungen aus fünfzehn Jahren Arbeit mit Unternehmen; Namen, Branchen und Details habe ich so verändert, dass niemand sich wiedererkennen muss – nur jeder sich wiedererkennen kann. Und ein Versprechen der ersten Auflage halte ich in veränderter Form aufrecht: Von jedem verkauften Exemplar geht ein Anteil an eine Organisation, die junge Gründerinnen und Gründer unterstützt. „Gebe als Erster" ist das letzte Prinzip dieses Buchs – also soll es auch an seinem Anfang eingelöst sein.
Ihr Johannes Ellenberg
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