Werkzeugkasten

Anhang: Werkzeugkasten


Anhang: Der Werkzeugkasten

Dieses Buch wollte Sie überzeugen; dieser Anhang will, dass Sie anfangen. Drei Werkzeuge, bewusst schlicht gehalten. Sie brauchen dafür kein Budget, keinen Beratervertrag und keine Freigabe – nur einige Vormittage und die Bereitschaft, Ergebnisse ernst zu nehmen, die Ihnen nicht gefallen.

Werkzeug 1: Die ersten 90 Tage

Ein Einstiegsprogramm für Unternehmen, die bei null anfangen. Es ersetzt keine Strategie – es erzeugt die Erfahrungen, aus denen eine werden kann.

Tage 1 bis 30 – Draußen sehen. Machen Sie Bergers Viertelstunde (Kapitel 2): Fragen Sie drei KI-Assistenten, was sie Ihren Kunden empfehlen und was sie über Sie wissen. Führen Sie fünf echte Kundengespräche – nicht Vertrieb, sondern Zuhören: Was hält unsere Kunden nachts wach, auch jenseits unserer Produkte? Fragen Sie fünf Mitarbeiter, welche Werkzeuge sie privat nutzen und was sie damit im Unternehmen tun würden, wenn sie dürften (Kapitel 5). Schreiben Sie Ihre Szenarien-Seite mit Datum (Kapitel 3). Ergebnis nach 30 Tagen: ein ehrliches Bild davon, wie Ihre Welt von außen aussieht – und eine Liste von Freiwilligen.

Tage 31 bis 60 – Den Gegner bauen. Führen Sie den Killerhai-Workshop durch (Werkzeug 2) und leiten Sie daraus die drei Probleme ab, die ein Angreifer zuerst ausnutzen würde. Formulieren Sie diese drei Probleme ausschreibungsreif (Werkzeug 3, Schritt 1). Machen Sie parallel die Purpose-Prüfung (Kapitel 4): Wann hat Ihr Warum zuletzt Geld gekostet? Ergebnis nach 60 Tagen: Sie wissen, wo Sie verwundbar sind und wofür Sie stehen.

Tage 61 bis 90 – Einmal durchspielen. Starten Sie ein einziges echtes Experiment: entweder einen Venture-Client-Piloten (Werkzeug 3) oder einen eigenen Prototyp nach Build – Measure – Learn, gebaut mit KI-Unterstützung, getestet an echten Kunden, mit vorab notierten Erfolgskriterien. Klein, bezahlt, befristet, ehrlich ausgewertet – auch und gerade, wenn es scheitert: Dann haben Sie für kleines Geld gelernt, was eine Studie Ihnen nie verraten hätte, und Ihre Organisation hat erlebt, dass Scheitern hier besprechbar ist. Ergebnis nach 90 Tagen: Ihre Organisation hat den Loop einmal selbst durchlaufen. Alles Weitere ist Wiederholung mit steigendem Einsatz.

Werkzeug 2: Der Killerhai – die Anleitung

Ziel: der gefährlichste digitale Wettbewerber, den Sie sich vorstellen können – von Ihnen selbst erschaffen, bevor es ein anderer tut.

Besetzung: fünf bis sieben Personen – Vertrieb, Entwicklung, Produktion, eine junge Fachkraft, mindestens ein Externer, idealerweise ein Kunde, dem Sie vertrauen. Ausdrücklich nicht: nur die Geschäftsleitung. Dauer: ein Nachmittag. Regeln: Alles ist erlaubt, nichts wird verteidigt – wer einen Angriff mit „das geht bei uns nicht" abwehrt, zahlt in die Kaffeekasse.

Erstens: Beschreiben Sie Ihren besten Kunden und das Problem, für das er Sie bezahlt – nicht Ihr Produkt. Zweitens: Entwerfen Sie das Unternehmen, das dieses Problem ohne Ihre Altlasten löst – ohne Ihre Fabriken, Ihre Prozesse, Ihre Geschichte; mit heutigen Werkzeugen, Plattformlogik und zwanzig Leuten. Drittens: Geben Sie ihm einen Namen und bauen Sie sein Angebot – Website-Entwurf, Preismodell, Pitch; mit KI-Werkzeugen ist das an diesem Nachmittag konkret machbar, und genau diese Konkretheit nimmt der Übung jede Ausrede. Viertens: Lassen Sie den Killerhai gegen Ihr echtes Angebot antreten – aus Kundensicht, Punkt für Punkt: Wo gewinnt er, und warum? Fünftens: Sortieren Sie seine Siege in zwei Listen – was wir übernehmen können (das ist Ihr Innovationsprogramm) und was uns strukturell verwundbar macht (das gehört auf den Tisch der Geschäftsführung, nicht in den Aktenschrank).

Der Workshop gelingt, wenn am Ende jemand sagt: „Eigentlich müsste es uns geben, die das bauen." Dann haben Sie nicht nur eine Bedrohung beschrieben, sondern eine Option gefunden.

Werkzeug 3: Venture Clienting – die Checkliste

Der Weg vom Problem zum Startup-Lieferanten (Kapitel 6), in acht Prüfpunkten.

Erstens, das Problem: konkret, strategisch relevant, ausschreibungsreif formuliert – „unsere Qualitätsprüfung erkennt Lackfehler zu spät", nicht „wir wollen innovativer werden". Zweitens, das Erfolgskriterium: messbar und vor dem Piloten schriftlich fixiert; woran erkennen wir in zwölf Wochen, dass es funktioniert? Drittens, das Scouting: weltweit suchen, nicht nur im eigenen Postleitzahlgebiet – Startup-Datenbanken, Fachmessen, Hochschulen, das eigene Netzwerk; drei bis fünf Kandidaten reichen. Viertens, der Pilot: klein und bezahlt – ein Startup, das für Piloten Geld nimmt, ist kein Bittsteller, sondern ein Lieferant, und genau so wollen Sie es behandeln; typische Größenordnung: fünfstellig, drei bis sechs Monate. Fünftens, der Einkauf: ein schlanker Sonderweg für Pilotverträge, vorab mit Einkauf und Rechtsabteilung vereinbart – zehn Seiten, nicht achtzig; keine Exklusivität, keine IP-Übertragung, keine Beteiligungsoption als Bedingung. Sechstens, der Pate: ein Verantwortlicher aus der Fachabteilung, die das Problem hat – nicht aus der Innovationsabteilung; er will die Lösung, das ist sein Antrieb. Siebtens, die Entscheidung: am Ende des Piloten wird entschieden, nicht weiterpilotiert – skalieren, beenden oder in begründeten Ausnahmen einmal nachbessern. Achtens, die Ehrlichkeit gegenüber dem Startup: schnelle Antworten, klare Absagen, pünktliche Zahlung – Ihr Ruf in der Startup-Szene entscheidet darüber, ob beim nächsten Problem die Besten mit Ihnen reden wollen. Gebe als Erster gilt auch hier.

Ein letzter Hinweis zu allen drei Werkzeugen: Sie funktionieren nur im Zusammenspiel mit dem, was in den Kapiteln 4 und 5 steht. Ein Killerhai-Workshop in einer Kultur, die Überbringer schlechter Nachrichten bestraft, produziert Schweigen. Ein Pilot in einer Organisation, die nicht entscheiden darf, produziert Folien. Werkzeuge verstärken die Haltung, mit der man sie führt – das war die letzte Warnung von Kapitel 6, und sie ist auch die erste dieses Anhangs.

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